Wednesday, June 3, 2020

Wohl ist das Auge der schärfste Sinn, aber die Pforte

Wohl ist das Auge der schärfste Sinn, aber die Pforte, die noch tiefer in unser Innerstes führt, noch unmittelbarer zu Herz und Gemüt, ist das Ohr. Und kein Zweifel, die Bedeutung der Vögel für das Landschaftsbild beruht noch weit mehr auf ihrer hervorragenden Stimmbegabung, als auf ihrer bloßen Erscheinung. Dabei wollen wir nicht nur an den jauchzenden Ruf der Singdrossel, an die Flötenstrophe ihrer Base, der Amsel, an Rotkehlchens sehnsuchtsvolles Lied, an die kecke Fanfare des Zaunkönigs oder an den unvergleichlichen Gesang der Nachtigall denken, sondern auch an andere anspruchslosere Lautäußerungen, zumal bisweilen ein einzelner Schrei oder ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr, aber auch ein feiner Lockruf von der stärksten Wirkung ist und dem Landschaftsbild eine ganz bestimmte Färbung verleihen kann.
Vielleicht ist es nur Einbildung, nur eine schönklingende Redeweise, wenn man behauptet, eine Beziehung herstellen zu können zwischen den vielfältigen Stimmen der Natur und den verschiedenen Örtlichkeiten, die durch solche Lautäußerungen belebt werden, ein leeres Geschwätz, wenn man meint, der Lobgesang der Lerchen stimme zu der Frühlingssaat, da unaussprechlich innige Seufzen und Schluchzen der Philomele zu dem nächtlich dunkeln Gebüsch am Rande des Weihers; nur zu der Meereswoge, vom heulenden Sturm gegen die Klippen gepeitscht, passe der heisere Schrei der Möwe, und zu dem nächtlichen Hochwald der unheimliche Eulenruf; der liebliche Gesang des Rotkehlchens gehöre in den lichten, maiengrünen Laubwald und das Schackern der Elster auf die beschneite Flur. Möglich, daß Vogelstimme und Örtlichkeit wirklich nichts miteinander zu tun haben, obgleich ich darauf hinweisen könnte, wie z. B. der Lehrmeister der Wasseramsel ohne Zweifel das auf steinigem Grunde dahinplätschernde Gebirgsbächlein gewesen ist, mit dessen leisem Rieseln der Gesang des am Wasser aufgewachsenen Vogels verglichen werden kann, wie das bunte Allerlei der quecksilbernen Rohrsänger in seiner ganzen Färbung etwas vom Froschkonzert und vom Gurgeln des Wassers am unterwaschenen Uferrand hat; aber angenommen auch, es seien nur liebe Erinnerungsbilder – das jungbelaubte Eichen- oder Buchenwäldchen im Talgrund, das beim Pirolruf vor unsrer Seele auftaucht, der schneebedeckte Fichtenbestand, den die Strophe des Kreuzschnabels uns vorzaubert – soviel steht jedenfalls fest, daß unsre Einbildung, diese oder jene örtlichen und zeitlichen Verhältnisse harmonierten mit ganz bestimmten Vogelstimmen, durchaus lebendig ist und täglich neue Nahrung empfängt. Wo wir aber Harmonie empfinden, empfinden wir Schönheit. Nicht darauf kommt's an, ob solcher Einklang wirklich besteht, ob der Verstand ihn ablehnt oder begründet, sondern allein auf unsre Empfindung.
Nur ein paar Beispiele, die den tiefen Eindruck der Vogelstimmen auf unser Gemüt weit besser erläutern als viele Worte.
Den Ruf der Wachtel kennt jeder, und jedermann liebt ihn. Und doch anmutig und lieblich kann man ihn kaum nennen. Dazu ist er zu kurz und namentlich zu hart abgebrochen, in der Nähe sogar ziemlich gellend und scharf. Nur aus drei Silben besteht der Ruf, ein Daktylus, der stets wiederholt wird. Wie erklärt sich also der nachhaltige Eindruck des Wachtelschlags und unsere Vorliebe für ihn? Die Stimmung, die Färbung der ganzen Umgebung, das ist die Lösung des Rätsels.
Dem rastlosen Treiben der Stadt haben wir den Rücken gekehrt, der drückenden Schwüle in den staubigen Straßen sind wir entflohen. Die heiße Sommersonne ist untergegangen, ein erfrischender Abendhauch weht aus dem Saatgefilde. Vor uns das Dorf, in blaue Dämmerung gehüllt: ein Bild des Friedens. Der Lerche bunte Lieder sind verstummt; nur das gleichmäßige Zirpen der Grillen zittert einschläfernd durch die weite Flur. Das blühende Weizenfeld hat sich dem Schlaf überlassen; wie im Traum nickt die geschlossene Blüte des Mohns, und nur ein paar Abendfalter taumeln über der ruhenden Flur. Da steigt der Mond am östlichen Himmel auf, und nun tönt es vom Rande des Feldes »pickwerwick, pickwerwick,« zehn- oder zwölfmal, dann eine Pause. Eine zweite Wachtel gibt Antwort; in der Ferne schlägt eine dritte, und je mehr sich die Mitternacht nähert, um so hitziger schallt es. Erst in den frühesten Morgenstunden verstummt allmählich der muntere Schlag. Wenn aber dann der junge Tag den nordöstlichen Himmel zu röten beginnt, tönt es wieder gar eifrig durchs ganze Gelände, das freundliche »Pickwerwick«, und die ersten Lerchen in der Höhe stimmen mit ein in den Gesang des Feldes tief unter ihnen.
Schade, ewig schade, daß die vielen Wachteln, deren Schlag mich in meinen Jugendtagen zur Sommerszeit allabendlich erfreute, bis auf einzelne Ausnahmen in meiner Heimat verschwunden sind. Unersetzliche Stimmungswerte sind mit ihnen verloren gegangen; die friedlichen Feierabende des Dorfs haben eine schwere Einbuße erlitten, und das Leben des Landmanns ist ärmer geworden.
Von stärkster Wirkung ist auch der Eulenruf. An sich unschön, ja häßlich, heulend und schreckhaft; aber wir glauben gleichfalls eine Harmonie mit Zeit und Ort zu fühlen, und so dürfen wir auch hier von einer ästhetischen Bedeutung solch seltsamer Lautäußerungen sprechen.
Der nächtliche Wald oder das einsame zerfallene Gemäuer weckt die Einbildungskraft, so daß auch der nüchternste Mensch sich nur schwer eines gewissen Grauens erwehren kann. Aus jedem größeren Wald, selbst aus manchem Park erschallt um die Zeit von Frühlings Tag- und Nachtgleiche der Ruf des Waldkauzes; oft wiederholt klingt er wie heulendes Hohngelächter. Was ist dieser Ruf aber gegen das schauerlich widerhallende »Buhu« des mächtigen »Aufs«, das der König der Nacht zur Paarungszeit fast ununterbrochen hören läßt. Wer in uhureicher Gegend, z. B. in den Waldgebirgen Bosniens nur einmal eine mondhelle Nacht erlebt hat, wird es begreifen, daß der Uhuruf im Aberglauben, in Märchen und Sagen eine große Rolle spielt. Unheimlich klifft und klafft es, heult und wiehert, lacht und jauchzt es durch den dunklen Gebirgswald.
In unsrer engeren Heimat finden sich die weitaus größten Vogelgesellschaften an den Teichen und Seen der Lausitz. Sie verleihen dem Landschaftsbild zu allen Jahreszeiten einen ganz besonderen Reiz, an dem sich Auge und Ohr des Naturfreundes immer von neuem ergötzen.
Schon aus der Ferne vernimmt man im zeitigen Frühling, wenn kaum die ersten grünen Spitzchen des jungen Schilfs über der Wasserfläche hervorschauen, ein vieltöniges Stimmengewirr. Enten der verschiedensten Art schreien und quälen; die Kiebitze, die eben von der Reise zurück sind und von denen einige uns umgaukeln, seltsamen, wuchtelnden Flugs, stoßen ihre zweisilbigen Klagerufe aus; Bläßhühner lassen ihre scharfe Lockstimme hören; mit tiefem »grök grök« melden sich die großen Haubentaucher, während ihre kleinen Vettern, die niedlichen Zwergtaucher, hell kichern und trillern, die Rothalstaucher aber, die lautesten ihrer Sippe, seltsam grunzen und quieken, daß man's weithin hört von einem Teich zu dem andern. Lachmöwen sind auch schon da; unruhig flattern sie durch die Luft. Aber noch vielmehr mögen sich in jener Bucht verbergen, die das abgestorbene Schilf unsern Blicken entzieht; denn hundertfach tönt das nimmermüde »Krrriäh« aus dem geschützten Winkel.
Wenn aber in ein paar Wochen Drossel- und Teichrohrsänger von der Reise zurück sein werden, dann geht's noch viel lauter zu; dann hat diese kleine quecksilberne Sängergesellschaft das Wort; »karrakiet, karrakiet,« den ganzen Tag fast, besonders am frühesten Morgen und am Abend bis spät in die Nacht. Kaum zur Geisterstunde gönnt man sich eine Pause. Es ist, als wollten sie wetteifern mit dem Gequak und Geknarr der Froschsänger, deren Stimmen die ganze Frühlingsnacht nicht müde werden.
Und nun treten wir durch das Röhricht ans Ufer. Da schwimmt es auf dem Gewässer, flattert empor, taucht unter, rennt flügelschlagend über den Wasserspiegel oder segelt hoch in der Luft. Lachmöwen wirbeln umher wie riesige Schneeflocken oder ruhen, weißen Seerosen zu vergleichen, in der lauschigen Bucht, die sie sich zur Brutstätte erkoren haben; einzelne Trauerseeschwalben schießen durch die Luft; Rotschenkel ziehen, unermüdlich rufend, ihre Kreise; hinter der Ente flattert der Erpel von einem Teich zu dem andern: Taucher und Tauchenten üben ihre Kunst: weg sind sie, mit einemmal verschwunden, um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Das grünfüßige Teichhühnchen macht seinem Weibchen den Hof; weißstirnige »Blässen« schlagen mit ihren Lappenfüßen das Wasser; neue Ankömmlinge – kleine Krikenten sind es – brausen mit seltsam schwingenden Flugtönen herbei, und ein paar Rothalsmännchen bekämpfen einander, bellende und quiekende eifersüchtige Kriegsgesänge ausstoßend. In der Tat, ich kann mir einen solchen Flachlandsee meiner Heimat kaum denken ohne das bunte, vielgestaltige Leben seiner gefiederten Bewohner, und ich weiß nicht zu entscheiden, ob es das Auge ist oder das Ohr, durch dessen Vermittlung uns dieses nimmermüde Treiben wirkungsvoller zum Bewußtsein kommt. Ach, wie wäre solch Teich- oder Seenlandschaft unsrer Heimat mit einem Schlage all ihres Reizes bar, wenn ihr plötzlich dies reiche Leben geraubt würde!
Und diese Gefahr liegt vielleicht nicht so fern, wie die meisten wohl glauben. Die Entenscharen haben schon hie und da in erschreckender Weise abgenommen; wie viele Lachmöwenkolonien sind bereits völlig verschwunden, wie viele in den letzten Jahrzehnten kleiner und kleiner geworden! Nicht ein einziges Reiherpaar horstet mehr auf sächsischem Boden, und der merkwürdigste Vogel unsrer Lausitzer Seenlandschaft, die große Rohrdommel, ist auch bereits so selten geworden, daß man sie für Sachsen heute schon als ein Naturdenkmal bezeichnen muß. Und gerade das tiefe »Prumb«, das dieser reiherartige Vogel in der Stille der Nacht ausstößt, daß man's wohl eine halbe Wegstunde weit hört, ist wie der Uhuruf im Hochwald oder das Orgeln und Röhren des Platzhirschs im Herbst von allergrößter Wirkung. Seltsam hört sich's an, und manches abergläubische Männlein und Weiblein meint, ein Gespenst treibe auf der schilfbewachsenen Insel im Teich sein unheimliches Wesen.
Auch Instrumentalmusik wird von einigen Vögeln geübt. Da sind zunächst die Spechte zu nennen. Ihr ganzes Dasein, von der Wiege bis zur Bahre, steht in innigster Beziehung zum Holz. Kein Wunder also, daß sich ihre musikalische Betätigung von Anfang an dem Xylophon zugewandt hat; sie spielen es meisterhaft. Man soll nur versuchen, es ihnen nachzumachen, man bringt's nicht. Unser Trommeln auf irgendeinen dürren Ast bleibt Stümperei gegenüber dem kräftigen Schnurren, wie es besonders der Schwarzspecht, aber auch die kleineren Buntspechte üben. Sobald der trommelnde Specht nach einem andern Baumzacken fliegt und mit seinem Instrument wechselt, gleich gibt's einen andern, d. h. höheren oder tieferen Ton. Dieses Lied ohne Worte ist auch ein Liebeslied. Es paßt zu der ganzen seligen Frühlingsstimmung im Wald und im Park und in der lenzgrünen Au, es paßt zu dem ersten Kuckucksruf und zu dem liebeflehenden Gurren der Wildtaube, zum süßen Lied des Fitis, wie zum kecken Reiterstückchen des Buchfinken. Den Frühlingstagen in der sonnigen Heide würde ein eigener Reiz fehlen, wenn sich die gefiederten Trommler nicht mehr hören ließen.
Und nun unsre Störche. Kein Vogel vermag dem Dorfbild so viel Stimmung und Reiz zu verleihen wie Adebar, unser Langbein; selbst die lieblichen Schwalben, deren Flug und Gezwitscher das Dorf so anmutig beleben, müssen in dieser Beziehung hinter ihm zurücktreten. Sie sind die Schützlinge jedes einzelnen Gehöfts, der Storch aber ist der Freund der ganzen Gemeinde, gewissermaßen ihr Vertreter innerhalb der gefiederten Welt. Ich bin so froh, daß wir in der sächsischen Lausitz noch eine kleine Anzahl besetzter Storchnester haben. Ist's nicht ein hübsches, gemütliches Bild, wenn die Störche kurz vor Sonnenuntergang zu ihrem Horst heimkehren und nun am First der strohgedeckten Scheune stehen, wo sie sich so gut vom geröteten Abendhimmel abheben! Jetzt vernimmt man auch ihr seltsames Klappern. Es klingt nicht schöner, als wenn ein Stock schnell über einen hölzernen Zaun hinfährt; aber Poesie ist's doch, Dorfpoesie, wie das Mühlengeklapper, das Dengeln der Sense, das Klipp-klapp der Dreschflegel auf harter Tenne. Urgemütlich hallt es von der Höhe herab durch die ganze Gemeinde zu jedermanns Freude. Wer es nicht fühlt, daß das Klappern der Störche mehr ist, als bloßes Geräusch, der hat keinen Sinn für die Reize des Landlebens, kein Verständnis für das friedliche Dorfbild des Niederlandes, ja es fehlt ihm die rechte Liebe zur Heimat.

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